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Chargenrückverfolgung in der Fertigung: Pflichten, Aufbau und Software
Meldet ein Lieferant eine fehlerhafte Charge, zählt jede Stunde. Wie Chargenrückverfolgung vorwärts und rückwärts funktioniert, wer sie verlangt und wie Sie sie so aufbauen, dass die Kette im Ernstfall hält.
Ein Lieferant ruft an: Eine Charge Crimpkontakte ist möglicherweise fehlerhaft. Ab jetzt zählt eine einzige Frage – welche Aufträge haben diese Charge verarbeitet, und bei welchen Kunden liegen die Teile heute? Wer das in Minuten beantworten kann, sperrt gezielt und ruft nur die Betroffenen an. Wer Lieferscheine und Handzettel durchsuchen muss, verliert Tage – und im Zweifel wird mehr zurückgerufen als nötig.
Was Chargenrückverfolgung bedeutet
Eine Charge (auch Los) ist eine Menge, die unter gleichen Bedingungen hergestellt oder geliefert wurde: eine Kabelrolle, ein Karton Steckverbinder, ein Fass Vergussmasse. Chargenrückverfolgung heißt, jede dieser Mengen durch den Betrieb zu verfolgen – vom Wareneingang über Lager und Fertigung bis zur Auslieferung.
Dafür braucht es an jeder Station dieselbe Information: welche Charge, welche Menge, welcher Auftrag. Fehlt sie an einer Stelle, reißt die Kette genau dort.
Vorwärts und rückwärts
| Richtung | Frage | Typischer Anlass |
|---|---|---|
| Rückwärts | Welche Materialchargen und Lieferanten stecken in dieser Lieferung? | Reklamation eines Kunden, Ursachensuche |
| Vorwärts | In welche Aufträge und zu welchen Kunden ist diese Charge gegangen? | Fehlermeldung eines Lieferanten, drohender Rückruf |
Beide Richtungen nutzen dieselben Daten, nur in umgekehrter Reihenfolge. Die Rückwärtssuche liefert bei einer Reklamation die Ursache, etwa für einen 8D-Report. Die Vorwärtssuche liefert die Liste der betroffenen Aufträge und Kunden.
Ein Beispiel: vom Kabel bis zum Kunden
Eine Kabelkonfektion kauft Leitung auf Rollen. Für jede Rolle sieht die Kette so aus:
| Station | Was festgehalten wird |
|---|---|
| Wareneingang | Lieferant, Herstellercharge, eigene Chargennummer, Menge |
| Lager | Lagerplatz und Restmenge je Charge |
| Fertigung | Auftrag, Arbeitsgang, Arbeitsplatz, Mitarbeiter, Zeitpunkt |
| Prüfung | Prüfergebnis, gute Menge, Ausschuss |
| Versand | Lieferschein, Sendung, Kunde |
Meldet der Lieferant einen Fehler in seiner Herstellercharge, führt die Vorwärtssuche von dieser Nummer zur eigenen Charge, von dort zu den Aufträgen und über die Lieferscheine zu den Kunden. Reklamiert umgekehrt ein Kunde einen Kabelsatz, führt die Rückwärtssuche vom Lieferschein zum Auftrag und zu allen Chargen, die darin verarbeitet wurden.
Im Ernstfall folgen dann die üblichen Schritte: betroffene Bestände sperren, laufende Aufträge mit dieser Charge anhalten, betroffene Kunden informieren, die Ursache klären und alles dokumentieren. Je genauer die Kette, desto kleiner der Kreis der Betroffenen.
Wer Rückverfolgbarkeit verlangt
Ein Gesetz, das jedem Fertigungsbetrieb eine Chargenrückverfolgung vorschreibt, gibt es nicht. Die Anforderungen kommen aus mehreren Richtungen:
| Quelle | Was verlangt wird | Für wen |
|---|---|---|
| ISO 9001, Abschnitt 8.5.2 | Produkte eindeutig kennzeichnen und Aufzeichnungen aufbewahren, wenn Rückverfolgbarkeit eine Anforderung ist | zertifizierte Betriebe |
| IATF 16949, Abschnitt 8.5.2.1 | Rückverfolgbarkeit nach Risiko analysieren und planen, betroffene Teile schnell finden und aussondern | Automobilzulieferer |
| Kunden | Nachweise nach Qualitätssicherungsvereinbarung, oft mit Fristen für die Antwort | alle Zulieferer |
| EU-Produktsicherheitsverordnung (EU) 2023/988, Art. 9 Abs. 5 | Typen-, Chargen- oder Seriennummer oder anderes Identifizierungsmerkmal am Produkt | Hersteller von Verbraucherprodukten |
| Lebensmittelrecht, Art. 18 VO (EG) Nr. 178/2002 | Lieferanten und belieferte Unternehmen feststellen können | Lebensmittel- und Futtermittelunternehmen |
Dazu kommt die Produkthaftung. Das Produkthaftungsgesetz schreibt keine Rückverfolgung vor. Nach § 1 ProdHaftG haftet der Hersteller aber für Schäden durch fehlerhafte Produkte auch ohne Verschulden. Wer betroffene Chargen genau eingrenzen kann, muss im Ernstfall nicht die gesamte Produktion eines Zeitraums zurückrufen.
Wie genau muss es sein?
Die wichtigste Entscheidung fällt vor jeder Software: Wie fein wird verfolgt?
- Auftrag oder Fertigungslos: Man weiß, welches Material in welchen Auftrag ging. Für viele Betriebe der sinnvolle Anfang.
- Charge: Jede Materialcharge wird am Wareneingang erfasst und bei der Verarbeitung gebucht. Das ist der übliche Standard bei Kundenforderungen.
- Seriennummer: Jedes einzelne Stück ist verfolgbar. Das ist nötig, wenn Kunden oder Vorschriften es ausdrücklich verlangen, und deutlich aufwendiger.
Nicht jedes Material braucht dieselbe Tiefe. Sinnvoll ist eine Chargenpflicht je Artikel: für sicherheitsrelevante Teile und für Material, bei dem Kunden einen Nachweis verlangen – nicht für Kabelbinder und Schrauben.
So bauen Sie die Rückverfolgung auf
- Anforderungen sammeln. Welche Kunden, Normen und Vorschriften gelten für Ihre Produkte? Was steht in den Qualitätssicherungsvereinbarungen?
- Chargenpflichtige Artikel festlegen. Welche Materialien werden verfolgt, welche nicht? Die Festlegung gehört an den Artikel, nicht in eine Liste neben dem System.
- Wareneingang: Jede Lieferung erhält eine Charge, verbunden mit Lieferant und Herstellercharge. Ein Etikett macht sie im Lager lesbar.
- Verbrauch buchen: Beim Verarbeiten wird die Charge am Auftrag erfasst – am besten per Scan am Arbeitsplatz. Wechselt mitten im Auftrag die Rolle, gehört auch der Wechsel in die Buchung.
- Fertigmeldung und Prüfung: Gute Menge, Ausschuss und Prüfergebnisse stehen am selben Auftrag.
- Versand: Lieferschein und Sendung verbinden den Auftrag mit dem Kunden.
- Probelauf: Wählen Sie eine Materialcharge und verfolgen Sie sie bis zum Kunden. Jede Lücke, die dabei auffällt, kann Sie im Ernstfall nicht mehr überraschen.
Beginnen Sie nicht mit allen Artikeln auf einmal. Starten Sie mit den Materialien, für die Kunden Nachweise verlangen, und erweitern Sie den Kreis, wenn die Abläufe sitzen. Entscheidend ist, dass die Buchung dort geschieht, wo das Material verarbeitet wird – am Arbeitsplatz, im Moment der Verarbeitung. Jede Buchung, die später am Schreibtisch nachgeholt wird, ist eine mögliche Lücke.
Wo die Kette typischerweise reißt
- Restmengen: Die angebrochene Rolle geht zurück ins Lager, ohne Charge auf dem Etikett.
- Chargenwechsel im Auftrag: Die zweite Rolle wird verarbeitet, gebucht bleibt die erste.
- Nachträgliche Erfassung: Handzettel werden am Schichtende abgetippt – mit Lücken und Zahlendrehern.
- Nacharbeit und Ersatzteile: Material, das außerhalb des normalen Ablaufs verbaut wird, fehlt oft in der Buchung.
- Material außer Haus: Bei Lohnfertigung oder Heimarbeit verlässt Material den Betrieb; die Charge muss mitreisen.
- Freitextfelder: Wenn die Charge ein freies Textfeld ist, das niemand prüft, ist sie im Ernstfall nicht auffindbar.
Die meisten Lücken entstehen nicht in der Software, sondern im Ablauf. Deshalb hilft eine Pflicht an der richtigen Stelle mehr als eine Arbeitsanweisung: Ist ein Artikel chargenpflichtig, sollte das System die Buchung ohne Chargennummer gar nicht erst annehmen.
Was eine Software für die Chargenrückverfolgung können sollte
- Chargen ab Wareneingang mit Lieferant und Herstellercharge
- Chargenpflicht je Artikel, die beim Buchen auch durchgesetzt wird
- Erfassung am Arbeitsplatz, verbunden mit Auftrag, Person und Zeit
- Suche vorwärts und rückwärts, auch über den Lieferanten
- Liste der betroffenen Aufträge, Sendungen und Kunden auf Knopfdruck
- Bericht über Lücken, bevor ein Kunde danach fragt
- Verbindung zu Wareneingangsprüfung, Qualitätssperre und Versand – im selben System statt über Schnittstellen
Eine eigenständige Rückverfolgungslösung neben dem ERP muss alle Buchungen doppelt erhalten. Jede Schnittstelle, die dabei ausfällt, ist eine Lücke in der Kette.
Fragen Sie bei jeder Vorführung nach dem Ernstfall: Wie kommt man von einer Lieferantencharge zur Liste der betroffenen Kunden, und wie lange dauert das? Und was geschieht, wenn am Arbeitsplatz die Chargennummer fehlt?
Chargenrückverfolgung mit POM
- Vom Wareneingang bis zur Sendung: POM Traceability verfolgt Chargen vorwärts und rückwärts. Jede Charge trägt ab dem Wareneingang Lieferant und Herstellercharge; der Chargenbaum zeigt den Weg vom Material bis zur Sendung.
- Buchungen statt Nacharbeit: POM hält fest, welche Charge in welchem Auftrag, an welchem Arbeitsplatz und von wem verarbeitet wurde. Die Chargenpflicht legen Sie je Artikel fest; mit POM BDE wird das Chargenfeld am Terminal zur Pflicht, und der Server nimmt die Buchung ohne Chargennummer nicht an.
- Im Ernstfall: Die Betroffenheitsliste nennt die Aufträge, in denen eine Charge verarbeitet wurde, und die Sendungen, mit denen sie das Haus verlassen hat. Der Materialnachweis zeigt die Chargen eines Auftrags, der Lückenbericht, wo die Kette nicht geschlossen ist.
- Prüfen und sperren: Ist einem Artikel ein Prüfplan für den Wareneingang zugeordnet, bleibt die Lieferung mit POM Inspection und POM Warenwirtschaft im Sperrbestand, bis die Prüfung sie freigibt. Eine Qualitätssperre hält den Auftrag an der Fertigmeldung an.
- Ehrlicher Umfang: POM arbeitet mit Chargen. Seriennummern gefertigter Teile gehören nicht dazu. Ob der Umfang zu Ihren Nachweispflichten passt, prüfen Sie im 30-Tage-Test mit allen Modulen, ohne Vertrag.
Dieser Artikel gibt einen Überblick und ersetzt keine Rechtsberatung. Maßgeblich sind die für Ihre Produkte geltenden Gesetze und Normen sowie Ihre Vereinbarungen mit Kunden.
Kurz beantwortet
Häufige Fragen
Was ist Chargenrückverfolgung?
Chargenrückverfolgung bedeutet, zu jeder Charge eines Materials oder Produkts belegen zu können, woher sie kam, in welchen Aufträgen sie verarbeitet wurde und an welche Kunden sie ging. Eine Charge ist eine Menge, die unter gleichen Bedingungen hergestellt oder geliefert wurde, etwa eine Kabelrolle oder ein Los Kontakte. Ziel ist, im Fehlerfall schnell und genau einzugrenzen, was betroffen ist.
Ist Chargenrückverfolgung gesetzlich vorgeschrieben?
Nicht für jeden Betrieb. Ausdrücklich verlangt sie zum Beispiel das Lebensmittelrecht in Artikel 18 der Verordnung (EG) Nr. 178/2002. Für Verbraucherprodukte fordert die EU-Produktsicherheitsverordnung eine Typen-, Chargen- oder Seriennummer oder ein anderes Identifizierungsmerkmal am Produkt. In der Industrie kommt die Pflicht meist über Normen wie ISO 9001 und IATF 16949 und über Qualitätssicherungsvereinbarungen mit Kunden.
Was ist der Unterschied zwischen Chargennummer und Seriennummer?
Eine Chargennummer steht für eine ganze Menge gleichartiger Teile, eine Seriennummer für genau ein Stück. Die Chargenrückverfolgung grenzt einen Fehler auf alle Teile einer Charge ein, die Serienrückverfolgung auf einzelne Geräte. Seriennummern sind genauer, aber auch aufwendiger. Welche Tiefe nötig ist, ergibt sich aus Kundenforderungen, Branchenregeln und dem Risiko des Produkts.
Was bedeutet vorwärts und rückwärts verfolgen?
Rückwärts heißt: vom fertigen Produkt oder einer Lieferung zurück zu den verbauten Materialchargen und ihren Lieferanten. Das braucht man bei einer Reklamation, um die Ursache zu finden. Vorwärts heißt: von einer Materialcharge zu allen Aufträgen, Lieferungen und Kunden, die sie erreicht hat. Das braucht man, wenn ein Lieferant einen Fehler meldet oder ein Rückruf droht.
Kann POM Chargen verfolgen?
Ja. POM Traceability verfolgt Chargen vom Wareneingang über die Fertigung bis zur Sendung, vorwärts und rückwärts – mit Chargenbaum, Materialnachweis, Betroffenheitsliste und Lückenbericht. Die Chargenpflicht legen Sie je Artikel fest; mit POM BDE nimmt der Server eine Buchung ohne Chargennummer dann nicht an. Seriennummern gefertigter Teile gehören nicht zum Umfang, POM arbeitet mit Chargen.
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