Stammdaten

Stückliste: Arten, Aufbau und Beispiele

Die Stückliste legt fest, woraus ein Erzeugnis besteht – und damit, was der Einkauf bestellt, das Lager bereitstellt und die Kalkulation als Material ansetzt. Welche Arten es gibt, wie eine Position aufgebaut ist und wie Sie aus der Stückliste den Materialbedarf ermitteln.

Die Stückliste – englisch Bill of Materials, kurz BOM – führt alle Baugruppen, Einzelteile und Materialien auf, die in ein Erzeugnis eingehen, jeweils mit Menge und Einheit. Zusammen mit dem Arbeitsplan ist sie die wichtigste Stammdatengrundlage der Fertigung. Im ERP-System hängt an ihr fast alles, was mit Material zu tun hat: Bedarf, Bestellungen, Bereitstellung und Materialkosten.

Wer mit der Stückliste arbeitet

Eine Stückliste hat viele Leser. Die Konstruktion legt fest, woraus das Erzeugnis besteht. Der Einkauf ermittelt, was in welcher Menge zu beschaffen ist. Das Lager reserviert Material und stellt es bereit, die Fertigung baut danach, und die Kalkulation bewertet die Mengen mit Preisen. Deshalb wirkt jeder Fehler mehrfach: Eine falsche Menge bedeutet falsche Bestellungen, falsche Bestände und falsche Preise.

Die drei Grundformen am Beispiel

Dieselbe Information lässt sich unterschiedlich darstellen; die Begriffe dazu sind in der Normenreihe DIN 199 festgelegt. Das Beispiel für alle drei Formen ist ein Kabelsatz KS-100: ein Steckergehäuse mit drei gecrimpten Adern, zwei davon 0,5 Meter lang, eine 0,8 Meter. Jede Ader ist eine Baugruppe aus Leitung und Kontakt.

Mengenübersichtsstückliste. Sie nennt jedes Teil nur einmal, mit seiner Gesamtmenge je Erzeugnis. Für das Beispiel genügen die Kaufteile:

Artikel Menge Einheit
Steckergehäuse 3-polig 1 Stück
Leitung 0,75 mm² 1,8 m
Kontakt 3 Stück

Die 1,8 Meter ergeben sich aus 2 × 0,5 m + 1 × 0,8 m. Wie das Erzeugnis aufgebaut ist, zeigt diese Form nicht.

Strukturstückliste. Sie zeigt das Erzeugnis über alle Ebenen in einer Liste. Die Punkte vor der Ebene zeigen die Tiefe in der Struktur; die Menge gilt jeweils für eine Einheit der übergeordneten Position.

Ebene Artikel Menge Einheit
.1 Steckergehäuse 3-polig 1 Stück
.1 Ader 0,5 m (Baugruppe) 2 Stück
..2 Leitung 0,75 mm² 0,5 m
..2 Kontakt 1 Stück
.1 Ader 0,8 m (Baugruppe) 1 Stück
..2 Leitung 0,75 mm² 0,8 m
..2 Kontakt 1 Stück

Als eigenständig gepflegte Liste hat sie einen Nachteil: Eine Baugruppe, die in vielen Erzeugnissen steckt, steht mit allen Bestandteilen in jeder dieser Listen.

Baukastenstückliste. Sie ist einstufig: Jede Baugruppe hat eine eigene Liste mit ihren direkten Bestandteilen.

Stückliste von Artikel Menge Einheit
Kabelsatz KS-100 Steckergehäuse 3-polig 1 Stück
Kabelsatz KS-100 Ader 0,5 m 2 Stück
Kabelsatz KS-100 Ader 0,8 m 1 Stück
Ader 0,5 m Leitung 0,75 mm² 0,5 m
Ader 0,5 m Kontakt 1 Stück
Ader 0,8 m Leitung 0,75 mm² 0,8 m
Ader 0,8 m Kontakt 1 Stück

Steckt die Ader 0,5 m auch in einem zweiten Kabelsatz, gibt es ihre Baukastenstückliste trotzdem nur einmal; viele Systeme speichern Stücklisten deshalb als Baukästen. Umgekehrt zeigt der Verwendungsnachweis, in welchen Erzeugnissen ein Teil steckt.

Variantenstückliste

Den Kabelsatz gibt es vielleicht in drei Längen und mit zwei Steckern: sechs Varianten, die sich nur in wenigen Positionen unterscheiden. Mit einer vollständigen Stückliste je Variante müsste jede Änderung an einem Gleichteil sechsmal gepflegt werden. Variantenstücklisten vermeiden das:

  • Gleichteile- und Variantenteilestückliste: Was alle Varianten gemeinsam haben, steht einmal; was sich unterscheidet, steht je Variante getrennt.
  • Plus-Minus-Stückliste: Eine Grundausführung ist vollständig beschrieben, jede Variante nur als Abweichung – was hinzukommt und was entfällt.
  • Komplexstückliste, auch Maximal- oder konfigurierbare Stückliste: Sie enthält alle möglichen Positionen samt Regeln, welche davon bei welchen Merkmalen gelten.

Konstruktions- und Fertigungsstückliste

Nach dem Zweck unterscheidet man vor allem zwei Stücklisten:

Merkmal Konstruktionsstückliste Fertigungsstückliste
Englisch Engineering BOM (EBOM) Manufacturing BOM (MBOM)
Erstellt von Konstruktion Arbeitsvorbereitung
Gegliedert nach Funktion und Zeichnung Fertigungsablauf und Fertigungsstufen
Enthält alles, was das Produkt beschreibt zusätzlich Hilfsstoffe, Zuschläge und Zwischenerzeugnisse

In der Auftragsfertigung kommt die Konstruktionsstückliste oft vom Kunden, als Stückliste auf seiner Zeichnung. Daraus entsteht die Fertigungsstückliste mit eigenen Artikelnummern, Zuschnittlängen, Zuschlägen und dem Material, das auf der Zeichnung fehlt. Sie sollte den Zeichnungsstand nennen, zu dem sie gehört.

Was eine Stücklistenposition enthält

Jede Zeile einer Stückliste ist eine Position mit mindestens diesen Feldern:

Feld Inhalt Beispiel
Position laufende Nummer, oft in Zehnerschritten, damit sich Positionen einfügen lassen 20
Artikel Nummer und Bezeichnung aus dem Artikelstamm, kein Freitext Leitung 0,75 mm²
Menge je Einheit des übergeordneten Artikels 0,5
Einheit Mengeneinheit, in der die Menge gilt m
Ausschuss- bzw. Verschnittzuschlag Aufschlag für unvermeidbare Verluste 3 %
Baugruppe ob die Position eine eigene Stückliste hat oder ein Kaufteil ist Kaufteil

Je nach Branche kommen Felder wie die Kammer im Steckergehäuse oder ein Gültigkeitsdatum hinzu. Ausschuss sind fehlerhafte Teile, Verschnitt ist Material, das beim Zuschneiden verloren geht – beide erhöhen den Bedarf.

Stückliste und Arbeitsplan: was wohin gehört

Die Stückliste beschreibt, woraus ein Erzeugnis besteht, der Arbeitsplan, wie es entsteht. Als Faustregel gilt: Was verbraucht wird, gehört in die Stückliste; was benutzt wird oder Zeit, Ort und Reihenfolge beschreibt, in den Arbeitsplan.

Stückliste Arbeitsplan
Leitung, Kontakte, Gehäuse mit Menge und Einheit Arbeitsgänge, Reihenfolge, Arbeitsplatz oder Maschine
Verschnitt- und Ausschusszuschläge Rüst- und Stückzeiten
Hilfsstoffe wie Kabelbinder und Schrumpfschlauch Werkzeuge wie Crimpwerkzeug und Vorrichtungen

Verbunden sind beide über die Zuordnung von Material zu Arbeitsgängen – so kommt die Leitung an den richtigen Arbeitsplatz. Die Kalkulation braucht beide: Materialkosten aus der Stückliste, Fertigungskosten aus den Zeiten des Arbeitsplans und den Stundensätzen, siehe Maschinenstundensatz berechnen. Aus denselben Zeiten entsteht die Kapazitätsplanung.

Bedarfsermittlung durch Stücklistenauflösung

Der Bedarf an verkaufsfähigen Erzeugnissen heißt Primärbedarf, der daraus abgeleitete Bedarf an Baugruppen, Teilen und Material Sekundärbedarf. Die Stücklistenauflösung rechnet Ebene für Ebene von oben nach unten:

  1. Bruttobedarf = Bedarf der übergeordneten Ebene × Menge laut Stückliste
  2. Nettobedarf = Bruttobedarf − freier Bestand
  3. Der Nettobedarf einer Baugruppe ist die Grundlage für die nächste Ebene.

Frei ist, was nicht für andere Aufträge reserviert ist; rechtzeitig eintreffende Bestellungen werden oft mitgezählt.

Ein Kunde bestellt 100 Kabelsätze KS-100. Frei auf Lager liegen 30 Steckergehäuse, 40 gecrimpte Adern 0,5 m aus einem früheren Los, 162 Meter Leitung und 500 Kontakte.

Ebene Artikel Bruttobedarf Freier Bestand Nettobedarf
1 Steckergehäuse 3-polig 100 × 1 = 100 Stück 30 Stück 70 Stück
1 Ader 0,5 m 100 × 2 = 200 Stück 40 Stück 160 Stück
1 Ader 0,8 m 100 × 1 = 100 Stück 0 Stück 100 Stück
2 Leitung 0,75 mm² 160 × 0,5 m + 100 × 0,8 m = 160 m 162 m 0 m
2 Kontakt 160 × 1 + 100 × 1 = 260 Stück 500 Stück 0 Stück

Bestellt werden also 70 Gehäuse, gefertigt 160 plus 100 Adern. Leitung und Kontakte reichen – rechnerisch.

Hätten Sie stattdessen die Mengenübersicht mit 100 multipliziert, kämen Sie auf 180 Meter Leitung und 300 Kontakte; die 40 Adern auf Lager enthalten aber schon 20 Meter und 40 Kontakte. Kommt ein Teil auf mehreren Ebenen vor, wird sein Bedarf bis zur tiefsten dieser Ebenen gesammelt und dort einmal mit dem Bestand verrechnet. Diese Ebene heißt Dispositionsstufe.

Praxisbeispiel: Meterware wie Kabel und Leitungen

Meterware wie Leitungen, Schrumpfschlauch oder Wellrohr begegnet im Betrieb in mehreren Einheiten:

Wo Einheit Beispiel
Zeichnung Millimeter Aderlänge 500 mm
Stückliste Meter 0,5 m je Ader
Lager Meter 162 m auf mehreren angebrochenen Ringen
Einkauf Ring Ring zu 100 m

Legen Sie je Leitung eine Lagereinheit fest, meist Meter, und rechnen Sie alle anderen Einheiten über einen festen Faktor am Artikel um. Wer 500 mm als 500 in eine Stückliste in Metern überträgt, liegt um den Faktor 1.000 daneben.

Dazu kommt der Verschnitt: Restlängen am Ringende, Probeteile beim Einrichten, gelegentlich Ausschuss beim Crimpen. Die 0,5 Meter in der Stückliste sind nur die Länge im fertigen Produkt. Mit einem angenommenen Verschnittzuschlag von 3 Prozent werden daraus 0,515 Meter je Ader.

Im Beispiel oben heißt das: 160 m × 1,03 = 164,8 m. Frei sind 162 Meter, es fehlen also 2,8 Meter. Ohne Zuschlag hätte die Rechnung keinen Bedarf gezeigt, und dem Auftrag wäre kurz vor Schluss die Leitung ausgegangen. Da die Leitung in Ringen zu 100 Metern gekauft wird, bestellt der Einkauf einen Ring; der Rest bleibt auf Lager.

Ein prozentualer Zuschlag passt zu Verlusten, die mit der Menge wachsen. Probeteile beim Einrichten fallen dagegen je Los an und sind als Prozentsatz bei kleinen Losen zu niedrig, bei großen zu hoch angesetzt. Welcher Zuschlag stimmt, zeigt der Vergleich von geplantem und tatsächlichem Verbrauch über einige Aufträge. Mehr zur Branche: POM in der Kabelkonfektion.

Typische Fehler

  • Einheitenmix. Millimeter in der Zeichnung, Meter in der Stückliste, Ringe im Einkauf: Ohne festen Umrechnungsfaktor am Artikel liegen Bedarfe schnell um den Faktor 100 oder 1.000 daneben. Ebenso tückisch sind Mengen, die sich auf 100 Stück statt auf ein Stück beziehen.
  • Fehlender Verschnitt. Mit der Nettolänge reicht das Material rechnerisch immer, in der Halle nicht. Die Folgen sind Fehlmengen, Eilbestellungen und Inventurdifferenzen.
  • Änderungen ohne Versionsstand. Wird die Stückliste bei jeder Kundenänderung einfach überschrieben, weiß später niemand, nach welchem Stand ein Auftrag gefertigt wurde. Jede Änderung braucht einen Änderungsstand, ein Gültigkeitsdatum und den Bezug zum Zeichnungsstand.
  • Doppelte Pflege in mehreren Systemen. Die Konstruktion pflegt eine Excel-Liste, das ERP eine eigene Stückliste, die Fertigung arbeitet mit einem Ausdruck – nach wenigen Änderungen gibt es drei Fassungen. Legen Sie fest, welche Stückliste führt, und übernehmen Sie Daten per Schnittstelle statt per Abtippen. Wie Sie Stammdaten vor einem Systemwechsel bereinigen, beschreibt der Artikel zur ERP-Einführung.

Stücklisten mit POM

  • Stücklisten mit Fassungen: Im POM Kern haben Stücklisten unveränderliche Fassungen, Artikel tragen Revisionen. Ändert sich die Stückliste, bleibt der frühere Stand erhalten.
  • Material im Blick: Fehlendes Material blockiert den Auftrag sichtbar; trifft es ein, hebt sich die Blockade auf. Die Bestände zeigen physische und verfügbare Mengen samt Reservierungen, und beim Fertigmelden bucht POM den Bestand automatisch.
  • Vom Auftrag zur Fertigung: Mit POM Warenwirtschaft prüft die Auftragsbestätigung Stückliste, Arbeitsplan und Materialtermin und legt je Fertigungsposition den Fertigungsauftrag an. Fehlmengen bestellt der Einkauf über den Bestellvorschlag.
  • Stücklisten übernehmen: Stammdaten und Stücklisten kommen aus Excel oder CSV, mit Probelauf vor der Übernahme. Laufende Verbindungen zu anderen Systemen regelt POM Schnittstellen.
  • Kalkulation und Chargen: POM Kalkulation rechnet Material mit Einkaufspreisen und berücksichtigt Mindestmenge und Verpackungseinheit. POM Rückverfolgung zeigt über mehrere Stufen, woraus ein Stück gefertigt wurde – nach Charge oder Seriennummer.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Was ist eine Stückliste?

Eine Stückliste, englisch Bill of Materials (BOM), führt alle Baugruppen, Einzelteile und Materialien auf, aus denen ein Erzeugnis besteht, jeweils mit Menge und Einheit. Die Konstruktion legt damit den Aufbau fest, der Einkauf ermittelt den Bedarf, das Lager stellt Material bereit, die Fertigung baut danach und die Kalkulation bewertet die Mengen mit Preisen.

Was ist der Unterschied zwischen Strukturstückliste und Baukastenstückliste?

Die Strukturstückliste zeigt ein Erzeugnis über alle Ebenen in einer Liste, von der Baugruppe bis zum Einzelteil. Die Baukastenstückliste ist einstufig: Sie nennt nur die direkten Bestandteile einer Baugruppe, und jede Baugruppe hat ihre eigene Liste. Wird eine Baugruppe in mehreren Erzeugnissen verwendet, gibt es ihre Baukastenstückliste trotzdem nur einmal.

Was gehört in die Stückliste und was in den Arbeitsplan?

Die Stückliste beschreibt, woraus ein Erzeugnis besteht: Material, Teile und Baugruppen mit Menge, Einheit und Zuschlägen für Verschnitt oder Ausschuss. Der Arbeitsplan beschreibt, wie es entsteht: Arbeitsgänge, Reihenfolge, Arbeitsplätze, Rüst- und Stückzeiten sowie Werkzeuge. Als Faustregel gilt: Was verbraucht wird, gehört in die Stückliste, was benutzt wird, in den Arbeitsplan.

Wie berücksichtigt man Verschnitt in der Stückliste?

Meist mit einem prozentualen Zuschlag an der Position. Braucht eine Ader 0,5 Meter Leitung und rechnen Sie mit 3 Prozent Verschnitt, ergibt sich ein Bedarf von 0,515 Metern je Stück. Verluste, die je Auftrag anfallen, etwa Probeteile beim Einrichten, sind eher eine feste Menge je Los. Welcher Zuschlag stimmt, zeigt der Vergleich von geplantem und tatsächlichem Verbrauch über mehrere Aufträge.

Wie nutzt POM die Stückliste?

Die Stückliste gehört zum POM Kern, mit unveränderlichen Fassungen. Fehlendes Material blockiert den Auftrag sichtbar, und beim Fertigmelden bucht POM den Bestand automatisch. Mit POM Warenwirtschaft prüft die Auftragsbestätigung Stückliste, Arbeitsplan und Materialtermin und legt den Fertigungsauftrag an. Stücklisten aus bestehenden Systemen übernehmen Sie aus Excel oder CSV.

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